Shikata-ga-nai

Eine Geschichte, eine kleine Geschichte.
Meine Geschichte. Deine?
Ein fernes Land mit Hungersnot.
Gestern. Heute. Morgen?
Zu Kaisers Zeiten – Meiji Zeiten.
Shikata ga nai.

In Amerika sind die Möglichkeiten unbegrenzt!
Ein Meiji-Bauer hat Hunger und einen Traum.
Kalifornien lebt vom Gold.
Yaemon und sein Traum kommen in der Boomtown San Francisco an.
In Kalifornien fliegen Steine und Gesetze.
Yaemon ist fremd und stumm.
Shikata ga nai.

Er kauft sich eine „Picture Bride“.
Auch Sugies Familie hat Hunger.
Zu viele Töchter.
Sugie wird verkauft.
Shikata ga nai.

In Kalifornien scheint immer die Sonne.
Eine Hütte, dann ein Häuschen.
Vier Kinder und ein Model T.
Gaman.

Pearl Harbor wird zerstört.
Die Präsidenten befehlen:
Japanische Amerikaner in die Lager!
Bomben über Hiroshima und Nagasaki.
Gaman.

Die Nachkriegswelt boomt.
Welcher Krieg?
Welche Lager?
Wir kaufen ein!
Wir sind happy!
(Außer den Krankheiten
und Onkel in der Klinik
und Tante … pssst!)
Uns geht’s gut!

Einem Nachkriegskind in Kalifornien geht es nicht gut.
Es hat Not und einen Traum.
„Erforsche dich, Kind, dann wirst du verstehen.“
In Europa gibt es Kunst und Kritik.
Dort kann man lernen.
Juni kommt mit ihrem Gepäck
im Land der Denker an.
In der Luft fliegen Steine und Geister.

Juni ist fremd und stumm.
Sie baut sich ein Haus aus Erkenntnis.
Gaman.

Zurück im alten Nippon boomt die Wirtschaft.
Wir kaufen ein!
Wir haben Glück!
(Außer den Trostfrauen,
dem Karoshi-Tod
und den kyoiku mamas … pssst!)
Uns geht’s gut!

9,0 auf der Richter-Skala.
„Wir haben die Natur missachtet.“
Wir beklagen uns nicht.
Shikata ga nai.

Wir werden es wieder aufbauen.
Gaman.

Denkt dran, schrieb Juni.
Shikata ga nai.
Gaman.

Author’s Note

Shikata-Ga-Nai is a chronicle-poem in which endurance replaces illusion, and meaning survives as form.

I wrote it in 2011, in the aftermath of Fukushima. What struck me then were not images of destruction alone, but the faces of those who endured it: composed, restrained, carrying what could not be undone. The Japanese phrase shikata ga naiit cannot be helped—names that condition. Gaman names the ethical response: holding, bearing, not breaking.

In this poem, those terms are not used as cultural markers or consolations. They function as ethical constraints. The poem moves through hunger, migration, commodification, war, denial, rebuilding, and disaster. Each block (stanza) holds a moral situation. The repetitions are acts of bearing.

At the same time, the poem turns the meaning of gaman slightly, and deliberately. Beyond endurance alone, it asks whether there is a further step: to make something that can contain what was endured. To shape form where illusion has thinned. To let meaning survive—not as explanation or narration, but as form.

Though written from Japanese and Japanese-American histories, the poem is not bound to them. It gestures toward numberless disasters and displacements—particularly in Japan, but also wherever people are asked, again and again, to endure what should not happen.

This poem strains against beauty because beauty would be a form of erasure. It records history not as explanation, but as endurance.

 

Deutsch.

Shikata-Ga-Nai ist ein Chronik-Gedicht, in dem Ausdauer Illusion ersetzt und Bedeutung als Form überlebt.

Ich schrieb es 2011, nach der Katastrophe von Fukushima. Was mich damals prägte, waren nicht allein die Bilder der Zerstörung, sondern die Gesichter derjenigen, die sie ertrugen: gefasst, zurückgenommen, tragend, was nicht rückgängig zu machen war. Der japanische Ausdruck shikata ga naies lässt sich nicht ändern – benennt diesen Zustand. Gaman bezeichnet die ethische Antwort darauf: halten, tragen, nicht zerbrechen.

Im Gedicht werden diese Begriffe weder als kulturelle Marker noch als Trostformeln verwendet. Sie fungieren als ethische Einschränkungen. Das Gedicht durchläuft Hunger, Migration, Verkauf, Krieg, Verdrängung, Wiederaufbau und Katastrophe. Jeder Block hält eine moralische Situation; die Wiederholungen sind Akte des Aushaltens.

Zugleich verschiebt das Gedicht die Bedeutung von gaman leicht und bewusst. Über das bloße Ertragen hinaus stellt es die Frage, ob es einen weiteren Schritt geben kann: etwas zu schaffen, das das Ertragene aufnehmen kann. Form zu bilden dort, wo Illusion brüchig geworden ist. Bedeutung überleben zu lassen – nicht als Erklärung oder Erzählung, sondern als Form.

Obwohl aus japanischen und japanisch-amerikanischen Erfahrungen heraus geschrieben, ist das Gedicht nicht an sie gebunden. Es richtet sich auf zahllose Katastrophen und Entwurzelungen – besonders in Japan, aber ebenso überall dort, wo Menschen immer wieder gezwungen werden, das Unzumutbare auszuhalten.

Dieses Gedicht sträubt sich gegen Schönheit, weil Schönheit eine Form der Anpassung wäre. Es hält Geschichte fest – nicht als Erklärung, sondern als Ausdauer.